Theatrum mundi - die staunenswerte Welt der Wunderkammern

Wunderkammer – welch ein herrliches und verheißungsvolles Wort:

Ein Sammelort für die Erkundung der Welt und für exotische Geschichten, ein Sehnsuchtsort für das Wunderbare und Außergewöhnliche, ein Kabinett der Raritäten und Kuriositäten…ein Minikosmos angeordnet in eleganten Fächern und dekorativen Behältnissen: kostbare Kunstgegenstände, seltene Naturalien, wissenschaftliche Instrumente und Exotisches: Dinge, die man nie zuvor gesehen hat.

Seit Jahrhunderten gibt es diese Sammlungen und bis heute atmen wir den Duft der Abenteuer- und Entdeckerlust, wenn wir sie betrachten.


Absolut Faszinierendes gibt es zu entdecken:

+  Eckzähne des Monodon monoceros (Narwal) – bis zu 3m lang, strahlend weiß und gegen den Urzeigersinn gedreht, galten als die sagenumwobenen Einhörner, die in keiner Sammlung fehlen durften und denen magische Kräfte nachgesagt wurden.

+ Greifkrallen, die eigentlich Büffelhörner waren.

+ Meeresbäume, von denen man nicht wusste, ob es sich um Pflanzen, Tiere oder doch um blutgetränkte versteinerte Algen handelte…Korallen waren in Wunderkammern ein absolutes „must have“!

+ Muscheln, allen voran die Nautilusmuschel, die zu kostbaren Pokalen gearbeitet wurde und im Wettstreit mit den Wundern der Natur stand.

+ Tierpräparate, Straußeneier, kunstvoll geschnitzte Kokosnüsse mit Menschenfresserszenen, Skelette, Rieseninsekten, Schmetterlinge, „eingemachte“ Tiere in Gläsern, Schildkrötenpanzer, Kannibalengabeln…


Mit dem erweiterten Radius der Forschungsreisen wurden die Sammlungen immer exotischer und der Drang einander in Staunenswertem zu überbieten, führte zu maßlosen Übertreibungen – an den Rändern der Erde (er)fand man Bestien und Monster, Fabeltiere und Kannibalengeschichten – je befremdlicher und furchteinflößender desto besser!

Bis in unsere heutige Zeit ist diese Neigung zum Magischen und Monströsen ungebrochen, aber auch die Lust zum Sammeln und Präsentieren!

Buchtipp: Thijs Demeulemeester: Wunderkammer, Prestel 2018

Und so bin ich dem Charme der Wunderkammer erlegen.
Mit meiner mobilen Mitmachstation „Spuren lesen“, die ich als praktische Abschlussarbeit des Lehrgangs „Kunst der Vermittlung: Kinderliteratur“ im Schneiderhäusl aus Karton gebaut habe, hat es begonnen: Ein Kabinett aus Fächern und Laden, Schachteln, Gläsern und Dosen, um Fundstücke zum Thema „Spuren“ zu beherbergen.

Bald fanden die Spuren mich. Keine Radausfahrt, keine Wanderung, keine Gartenrunde mehr ohne Fundstücke! Federn, Vogeleier, Skelettteile, Fraßspuren an Zapfen und Nüssen, getrocknete Schlangen, ein Eichelhäher, ein Kauz, ein Bussard, ein Falke am Wegrand, Spechtschmieden, Losung… ein mumifiziertes Vogelbaby im Gemüsegarten…nie und nimmer hätte ich das früher alles gesehen! Übrigens habe ich meine Familie auch mit diesem Virus infiziert und muss nun Dependancen zu meiner tragbaren Wunderkammer errichten:
Ein Wildschweinunterkiefer passte unmöglich in die Mitmachstation und so kam mir die Idee der Miniwunderkammern: Ein Schuhkarton mit Klappe und Lade zum Thema Wildschwein, oder Waldkauz, oder….

Im Rahmen eines Naturworkshops mit Kindern Miniwunderkammern zu bauen, werde ich demnächst in die Praxis umsetzen… und vorher mit ihnen auf die Suche gehen, vielleicht auch ein paar Fundstücke zur Verfügung stellen und natürlich Sachbücher, Bestimmungsbücher, Geschichten, Bilder, Lupe und Mikroskop, Forscherhandbuch und Etiketten, Karteikarten und Bilderrahmen, Pinsel und Kreidefarbe…

Mich begeistern Natursachbücher für Kinder, die die Ästhetik der Illustrationen von früheren Forschungsreisenden ( z.B. von der Naturforscherin und Illustratorin Maria Sibylla Merian, 1647 – 1717) aufnehmen – sie lassen mich eintauchen in eine Zeit, in der Geheimnisvolles und Neugierweckendes den Betrachter einhüllten: z.B. Bibi Dumon Tak: Grosse Vogelschau, Bücher von Katie Scott…

Auch erzählende Bilderbücher passen gut zum Thema Spuren:
z.B. Stian Hole: Morkels Alphabet;
Claudia Boldt: Ferdinand Fuchs frisst keine Hühner;
Maja Kastelic: Luftigruß;
Gerda Muller: Was war hier bloß los?

Wenn wir davon ausgehen, dass Kinder von Natur aus neugierig und wissbegierig sind, gerne Sachen sammeln und aufheben, dann ist das Prinzip Wunderkammer ein ideales Umfeld dafür, sich selber Weltwissen anzueignen: alle Fundstücke erzählen Geschichten, die Suche danach öffnet unsere Augen für die Zusammenhänge in der Natur, bringt uns zum Staunen und lenkt unsere Aufmerksamkeit auch auf die Zerbrechlichkeit unsere Erde: „denn sie ist alles, was wir haben.“(Oliver Jeffers: Hier sind wir – Anleitung zum Leben auf der Erde)

Suchen, finden, betrachten, anderen zeigen, abzeichnen, bestimmen, in eine Sammlung (Wunderkammer) integrieren, kommt unserem Forscherdrang sehr entgegen und fasziniert Kinder und Erwachsene.

 Natternhemd und Larvenhaut
Neuntöter und Raubwürger
Gewölle und Speiballen
Geschmeiß und Gestüber
Specht- und Drosselschmieden
Kobel, Horst und Kegelburg
Kuckucksspeichel und Gespinste
Suhle und Fegestelle
Rüttelflug
Äsung

Poesie und Spannung pur vermitteln schon die Fachbegriffe des Spurenlesens:
In Einmachgläser (Idee und Design von Susi Fux) verpackt, verführen sie zum Nachschlagen, Geschichten erfinden, Elfchen dichten, illustrieren…

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Auch Pflanzen hinterlassen Spuren:
Samenstände in schönen Gläsern präsentiert, können als Regalbrettwunderkammern auch in Bibliotheken stehen.

Dazu Impulse (z.B. Samenpapier herstellen), Bastel-Material, Naturlexika und erzählende Kinderliteratur zur Verfügung stellen. (z.B. Antonie Schneider: Herr Glück & Frau Unglück; Thomas Rosenlöcher: Das Gänseblümchen, die Katze & der Zaun; Maria Wieser, König Nesselbart).

Oder getrocknete, essbare Blüten und Blätter in Gläsern, um eigene Teemischungen herzustellen.

Oder Spurenkunst aus Naturmaterialien auf Karton mit doppelseitigem Klebeband.

Oder Ecoprints herstellen.

Oder Buchwunderkammern… oder…      

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Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!